Welternährung – Landwirtschaft – Agrarindustrie

(Auszug aus “Postmaterialismus – Der nächste Schritt soziokultureller Evolution reicher Demokratien” (Bucherscheinung: Sommer 2015) Quellen Angaben: diese Erfolgen dann ausführlich im Buch.)

Chronische Agrarüberschüsse!

Seit gut 50 Jahren übersteigt die weltweite Agrarproduktion den Bedarf an Nahrungsmitteln und Agrarrohstoffen. Auch deshalb fielen in dieser Zeit die realen Agrarpreise massiv. Schon in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts versuchte man mit Rohstoffabkommen die chronische Überproduktion und den Preiszerfall in den Griff zu bekommen.

Die Situation permanenter Überschüsse konnte man entschärfen, indem man immer mehr Getreide und weitere Nahrungsmittel (z.B. Maniok und Soja) dem Vieh verfütterte um Fleisch und zunehmend auch Milch zu erzeugen. So dienen heute 37% der Weltgetreideernte als Futter, ca. 850 Millionen Tonnen. Weitere 6% oder 150 Mio. Tonnen werden zu Treibstoff verarbeitet. Das Eiweiss der Sojabohne wird dem Kraftfutter beigemischt und aus dem dabei anfallenden Öl wird Biodiesel hergestellt. Aus einem Grossteil des brasilianischen Rohrzuckers entsteht der Kraftstoff Ethanol. All diese Nahrungsmittel, 1000 Millionen Tonnen, verbrauchen die Wohlhabenden in Form von Fleisch, Milch und Treibstoff.

Im Jahr 2004 berechnete ich, mit einem Zwanzigstel des damals den Tieren verfütterten Getreides könnte man die ganze Milliarde der chronisch Unterernährten satt machen (Ducommun, 2005, S. 181 ff.). 35 Millionen Tonnen Getreide reichten aus, um jedem Hungernden 100 Gramm pro Tag (ca. 300 Kcal.) oder 36 Kilogramm im Jahr mehr Reis, Mais, Weizen oder Bohnen zukommen zu lassen. Am besten, indem das Einkommen der Unterernährten leicht verbessert wird und sie ihr Grundbedürfnis an Nahrung mit einer kaufkräftigen Nachfrage auf dem Markt befriedigen können.

Im Jahr 2050 wird die Welt gut 9 Milliarden Menschen zählen, zwei Milliarden mehr als heute. Die Agrarindustrien, weite Teile der Agrarforscher und die FAO behaupten, es stelle für die Weltlandwirtschaft eine grosse Herausforderung dar, diese zusätzlichen Menschen zu ernähren. Das stimmt nicht, denn die Weltlandwirtschaft stellt schon heute für gut 12 Milliarden Menschen Nahrung her. Mit den heute dem Vieh zugeführten 850 Millionen Tonnen Getreide und den 150 Millionen die zu Treibstoff verarbeitet werden kann man 5 Milliarden Menschen ernähren1. So wird die Meinung der Bevölkerung von Industrie und Forschung manipuliert und fast alle Menschen denken, es werde bis 2050 schwierig, die Menschheit zu ernähren. Das stimmt nur, wenn die Klimaveränderung zu schnell erfolgt, wenn ein Grossteil der Böden weiterhin ohne Sorge um ihre Fruchtbarkeit beackert wird oder wenn weiterhin eine Milliarde Menschen über unzureichende Einkommen verfügen. Und das Grundwasser könnte in bewässerten Gebieten sehr knapp werden, weil es heute masslos übernutzt wird.

Sicher, das sind globale Betrachtungen. Aber faktisch reicht die Fläche, mit der man 200 Millionen Tonnen Getreide erzeugt aus, um eine Milliarde Menschen mit Knollenfrüchten, Getreide, Bohnenarten und Gemüse zu sättigen. Man könnte heute sofort zwei Milliarden Menschen mehr ernähren und es verblieben immer noch 600 Millionen Tonnen Getreide für die Tierfütterung. Man soll nicht öffentlich sagen, die Welternährung sei im Wesentlichen ein agronomisches Problem, von neuen Technologien oder neuen genmanipulierten Sorten.

Es gibt durchaus lokale Schwierigkeiten, wenn Klima und Böden wenig hergeben. Aber schonungsvolle Technologien sind auch da meistens bekannt. Die Engpässe liegen üblicherweise anderswo: bei der Verteilung des Bodenbesitzes, bei der Agrarpolitik und den Marktregulierungen (Produzentenpreise); auch bei der Gründung von Arbeitsplätzen ausserhalb der Landwirtschaft. In sehr dicht bevölkerten Ländern wie Ruanda oder Bangladesh lässt sich das Problem der unzureichenden Einkommen in der Landwirtschaft nur durch die Schaffung von industriellen Arbeitsplätzen lösen. In Afrika haben die Industrieländer diesbezüglich jämmerlich versagt! Aus Eigeninteresse haben Europa und Amerika, einschliesslich ihrer Entwicklungszusammenarbeit, in Afrika keine Agrarindustrie aufgebaut – Herstellung von Werkzeugen, Karren, Pflügen und lokale Verarbeitung der Produkte. Europa wollte Afrika als Markt für seine Agrarindustrie verwenden. Nur: China hat den Europäern den Markt innerhalb von zwanzig Jahren weitgehend weggeschnappt.

Kontext

Die Bevölkerungen der Welt tun gut daran sich zu überlegen, welchen Kräften sie die Produktion, die Verarbeitung und die Vermarktung ihrer Nahrungsmittel anvertrauen wollen. Insbesondere ob es richtig sei, den ganzen Sektor den Aktionären und derem Profitdenken zu überlassen, Aktionäre die durchaus verantwortungslos mit Menschen, Tieren, Böden und Gewässern umgehen können, weil diese von ihrem Alltagsleben viel zu weit weg sind.

In den vergangenen fünfzig Jahren wurde die Produktion der landwirtschaftlichen Inputs (Dünger, Saatgut, Pestizide) industrialisiert und konzentriert. Dasselbe gilt für den Handel, den Transport und die Verarbeitung der Agrarprodukte. Auch die landwirtschaftliche Produktion selbst wurde zunehmend industrialisiert. Es besteht ein Kampf zwischen den kleinen und mittleren Bauern (meist Familienbetriebe mit ca. 0,5 bis 50 Hektaren Nutzfläche) und der industrialisierten Agrarproduktion mit Nutzflächen von 200 bis 10’000 Ha und mehr. Dieser Kampf beginnt in den Agrarverbänden, fliesst in die nationale Politik und Parlamente ein und wird schliesslich auch in den internationalen Organisationen wie FAO (UNO-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft in Rom) oder WTO (Welthandelsorganisation, Genf) ausgefochten. Liberale Denker finden meist, die grosse Landwirtschaft sei effizienter, weil sie zu tieferen Kosten und Preisen produziere. Ähnlich denken oft Sozialdemokraten, denen die traditionsgebundene kleinbäuerliche Familienlandwirtschaft zu teuer scheint. Tiefe Kosten und “Effizienz” bedeutet meistens: Verbrauch fossiler Treibstoffe durch Mechanisierung aller Arbeitsabläufe und zur Produktion chemischer Düngemittel und Pestizide, es bedeutet sehr oft unsorgfältigen Umgang mit Tieren, Boden, Wasser und Flora, oft industrielle Tierhaltung. Man tut gut darüber nachzudenken, was hier “effizient” genannt wird. Billiger wird bei Ökonomen zu sehr mit „gut“ und „effizient“ gleich gesetzt. Sind wir denn gegenüber Menschen, Tieren, Vegetation, Boden, Luft und Gewässer nicht zu mehr Verantwortung verpflichtet?

Die Industrialisierung der Produktion wird Rationalisierung genannt – ein für Ökonomen positiv besetzter Begriff – und geht einher mit dem Verschwinden der kleinen „unrentablen“ Betriebe. Rationalisierung gilt als vernünftig, weil dadurch die Produktionskosten sinken und wir alle schlussendlich mit weniger Geld mehr konsumieren können. Das gilt für die vorgelagerten und nachgelagerten Betriebe wie für die Agrarproduktion selbst. In der Schweiz gehen jährlich etwa 2000 Bauernbetriebe ein, etwa drei Prozent der gesamthaft 60’000 Betriebe. Diese Strukturbereinigung, wie der Prozess genannt wird, geht einher mit einer Veränderung der Produktionstechniken. Industrialisierte landwirtschaftliche Produktion bedeutet grossflächige Betriebe oder grosse Tierzahlen. Da vor allem Arbeitskräfte wegrationalisiert werden (sie verursachen hohen Kosten), werden anstatt menschlicher Arbeitskraft immer mehr Energiesklaven eingesetzt: fossile Treibstoffe, Maschinen, Kunstdünger, Pestizide. Daher verbraucht industrielle Landwirtschaft viel mehr Energie pro produzierte Einheit als die traditionelle Landwirtschaft und zudem verbraucht sie bedeutend mehr Energie als sie selbst erzeugt. Man muss bei der industriellen Agrarproduktion sicher differenzieren, denn die Massenproduktion von Tieren (Fleisch, Milch) kann in einem Ranching-System auf eher extensiven Weiden durchaus ökologisch und tierfreundlich erfolgen (z.B. in Neuseeland und Argentinien).

Früher produzierten die Bauern Dünger meist selber (Mist, Jauche, Gründüngung), ebenso einen Grossteil des Saatguts. Heute werden diese Inputs meist ausgelagert in die Produktionsmittelindustrie (Dünger, Saatgut, Pestizide) – in Bio- und Kleinbetrieben allerdings weniger. Ebenso wurde die Verarbeitung der Produkte fast vollständig aus den Bauernhöfen ausgelagert. Dadurch ging ein Grossteil der Mehrwertschöpfung den Bauern verloren, er wanderte in die vor- und nachgelagerte Agrarindustrie. Die meisten Bauern befinden sich heute zwischen zwei Grossindustrien: die Produktionsmittelhersteller einerseits, die Verarbeitungsindustrien und Handelsketten andrerseits. Der nachgelagerte Sektor drückt gewaltig auf die Preise wegen dem verbitterten Konkurrenzkampf der Endverkäufer um Konsumenten. Damit die Bauern tiergerecht und ökologisch produzieren können müssen die Konsumenten und Handelsketten den Preisdruck auf die Bauern abbauen. Nachhaltigkeit und freundliche Tierhaltung kostet!

Da industrielle (grosse Flächen, grosse Tierzahlen), maschinelle Agrarproduktion zur Senkung der Produktionskosten und damit der Preise führt, bestehen für viele Familienbetriebe vier Möglichkeiten: 1.Den Betrieb aufgeben, das Land verkaufen; den Erlös als Altersrente einsetzen oder in die Stadt ziehen um tiefqualifizierte Arbeit zu finden; 2. Den Kleinbetrieb als Nebenerwerb beibehalten und ihn mit einer beruflichen Aktivität ausserhalb der Landwirtschaft quer subventionieren (Berggebiete); 3. Den Betrieb verkaufen und mit dem Geld z.B. in Kanada einen grösseren Betrieb kaufen; 4. Den Betrieb vergrössern durch Aufkauf oder Pacht neuer Parzellen und selber „rationeller“ produzieren (Kosten senken). In Ländern mit hoher Agrarbevölkerung ist die Flucht der Kleinbauern in die Städte ein Drama, das wir nicht zulassen sollten.

Weltweite Agrarindustrie

Rohstoffe haben weltweit sehr tiefe Preise. In der Wertschöpfungskette werden die Gewinne in der Vorgelagerten Produktionsmittelindustrie und in der nachgelagerten Verarbeitungsindustrie und im Handel gemacht. Die Bauern, Produzenten der Agrarrohstoffe, erwirtschaften ein mageres Einkommen mit hohem Arbeitseinsatz. Grosse Agrarbetriebe mit sehr günstigen Bedingungen – z.B. in Neuseeland für Milch und Fleisch, in Argentinien/Brasilien/USA/Kanada für Getreide, Soya und Fleisch – produzieren zu sehr tiefen Produktionskosten und können dank ihrer Grösse ein vernünftiges Einkommen erzielen. Oft geschieht dies zu hohen „externen“, ökologischen und sozialen, Kosten. Diese fallen der Natur, den Tieren und Arbeitern zu Last, erscheinen in den Preisen also nicht.

In den vor- und nachgelagerten Industrien – Dünger, Pestizide, Saatgut, Tiergenetik, Landmaschinen; Verarbeitung, Handel, Detailhandelsketten – fast aller agrarischen Produktionszweige (Getreide/Soya, Öle/Fette, Geflügel, Schweinefleisch, Kaffee, Kakao) entstanden Oligopole, fünf bis zehn weltweit führende Konzerne. Riesige, sehr kapitalkräftige Unternehmen beherrschen so zunehmend die Welternährung („Agropoly“, Erklärung von Bern, Solidaire 216, Sondernummer Juni 2011).

Zukunft

Mir scheint, eine Agrarproduktion mit selbstverantwortlichen Familienbetrieben von vielleicht 20 bis 100 Ha, gebunden an ökologische und tierfreundliche Produktionsnormen, wäre ein vernünftiger Mittelweg zwischen Kleinstlandwirtschaft und industrieller Landwirtschaft, sowohl für etliche Industrieländer wie für unzählige Entwicklungsländer. Da ist kein Platz für ganz liberalisierte Weltagrarmärkte mit Tiefstpreisen, welche nur der grossen industriellen Landwirtschaft ein Auskommen bieten. Das hätte grosse Vorteile: Die Bauernbevölkerung könnte zum grossen Teil auf dem Land bleiben statt in überfüllte Städte ziehen zu müssen, die Besiedlung der ländlichen Gebiete würde aufrechterhalten und das Heer von Arbeitslosen in den Städten reduziert; die Nahrungsmittel und Agrarrohstoffe (z.B. Textilien) wären ökologisch nachhaltig erzeugt und gesundheitlich unbedenklich, frei von Antibiotika- und Pestizid-Rückständen.

Aber diese Strategie nachhaltiger Produktion hat ihren Preis: A/ In vielen Ländern wären die Nahrungsmittelpreise höher: Das Tierwohl, Nahrungsmittel ohne Rückstände, hohe Biodiversität, saubere Böden und Gewässer sind nicht gratis zu haben. B/ Die Produktion könnte um 10-20% schrumpfen (moderner Ökolandbau ist durchaus sehr produktiv), was die chronische Überschussproduktion reduzieren würde.

Nahrungsmittel hat die Welt genug, wenn sie weniger verschwendet werden. Vereinfacht, aber doch treffend gesagt: Das Problem der Welternährung ist die mangelnde Kaufkraft der Armen (eine Milliarde Menschen von sieben) und nicht der Mangel an Agrarprodukten. Das Problem der Weltlandwirtschaft ist der masslose Preisdruck, der zu ökologisch unsorgfältiger Produktionstechnik führt, zum Missbrauch von Wasser, Böden, Vegetation und Tieren.

Ein Artikel des NZZ-Redaktors Markus Hofmann (12.2.2014, S. 19) zeigt die dominante liberale Denkweise im Bereich Agrarpolitik auf, und ihre Inkonsistenz. Es geht darum, „die Agrarproduktion auf nachhaltige Weise zu steigern“, also ökonomisch profitabel, sozial- und umweltverträglich. Die Ausweitung der Produktion muss erfolgen, weil die FAO behauptet, bis 2050 müsse die Weltagrarproduktion um 60% gesteigert werden, weil die Weltbevölkerung von 7,2 auf 9,15 Milliarden wachsen werde. Hofmann rät, die Initiative von Schweizerischem Bauernverband und SBV abzulehnen, und dafür in der Landwirtschaft den vor 20 Jahren eingeschlagenen Weg fortzusetzen: mehr Markt, weniger Subventionen und mehr Ökologie. Diese Politik scheint mir logisch unhaltbar. Mehr Weltmarkt bedeutet Abbau der Schutzzölle, fallende Preise. Kombiniert mit weniger Subventionen würden dadurch die Einkommen der Bauern drastisch fallen, d.h., die Produktion wäre ökonomisch für die allermeisten Bauern nicht mehr profitabel. Es entstünde ein gewaltiger Preisdruck, der die Bauern weg von schonungsvollen und tierfreundlichen Produktionstechniken führen würde, also zu deutlich weniger Ökologie.

1   Berechnet mit 200 Kg Getreide pro Person und Jahr.

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