Vom Göttlichen, von Gut und Böse, Liebe und Zerstörung und vom Menschlichen

Zusammenfassung

Gewalt und immenses Leid kennzeichnen die politischen Auseinandersetzungen in der Welt, Streit um die jeweils „richtige“ Gesellschaftsordnung, heute besonders im islamischen Raum. Dieser Text postuliert, es wäre für den Frieden auf Erden nützlich, den Verantwortungsbereich des Göttlichen – wie auch immer wir das Transzendente nennen wollen – und den Verantwortungsbereich des Menschen klar zu trennen.

Es gibt eine natürliche, kosmische oder grundlegende Ebene der Schöpfung und des Zerfalls, für die der Mensch keine Verantwortung trägt. Hier können wir sagen: „Es ist, wie es ist.“ Man kann diese Ebene die göttliche oder die grundlegende nennen. Es gibt auch eine irdisch-menschliche Ebene, auf welcher die Menschen festlegen, wie sie untereinander und mit der Natur leben wollen; wir können sie die menschliche nennen. Auf dieser Ebene kommt dem Menschen die volle Verantwortung zu; da lässt sich nicht sagen: „Es ist wie es ist.“

Diese beiden Ebenen klar zu unterscheiden wäre ein Beitrag zum Frieden auf Erden. Es würde die Verantwortungsebenen des Göttlichen und des Menschlichen nicht permanent vermischen. Von der grundlegenden Ebene kann der Mensch nur wenig beiziehen, aber Wesentliches, um seine Gesellschaftsordnungen zu gestalten. Dazu die religiösen Schriften oder religiöse Dogmen heranzuziehen, schafft aber unerbittliche Konflikte. Werden religiöse Schriften beiseitegelegt, werden die Auseinandersetzungen der Menschen um ihre jeweilige Gesellschaftsordnung weniger verbissen, menschlicher, sie können mehr von der Vernunft, der Erfahrung und dem Wohlwollen geprägt sein.

Einleitung

Diesen Sommer ging ich auf eine lange Reise nach Skandinavien, alleine. Ich nahm verschiedene Bücher mit, insbesondere eines von Willigis Jäger: Das Leben endet nie – über das Ankommen im Jetzt. Jäger ist Benediktinerpater (Christ) und gleichzeitig Zen-Meister (Buddhist). In seinem ersten Kapitel, „Unser Urgrund“, schreibt er, wir seien göttlicher Natur: „Gott ist der Rebstock, wir sind die Rebzweige. Gott ist die Quelle, wir sind der Bach; Gott ist das Meer, wir sind die Welle.“ (S. 22) Er schreibt auf verschiedene Weisen, es ginge in unserem Leben darum, unsere göttliche Natur hervorzubringen und zu leben. Er zitiert Klemens von Alexandrien: „Es geht darum hier in dieser irdischen Wirklichkeit bereits Gott zu werden und als ein Gott im Fleische umherzugehen.“ und den Kirchenlehrer Basilius: „Es ist uns aufgegeben, Gott gleich zu werden nach dem Vermögen der menschlichen Natur.“ Am Ende des kurzen Kapitels schreibt Jäger: „Wir wollen Gott in uns Mensch sein lassen.“ Wir seien göttlich, jedoch eingegrenzt in der menschlichen Natur.

So fand ich eine tiefere, schon geahnte Antwort auf meine Frage: Warum unternehme ich im Grunde diese Reise? Die Antwort lautete nun: Ich will durch das lange Alleinsein auf dieser Reise mehr von meiner göttlichen Natur erkennen und hervorbringen (Erkenntnis, nach innen gerichtet) und gleichzeitig die Schönheit und Eigenart der Welt erfahren (Erkenntnis, nach aussen gerichtet). Damit begann für mich ein Denkprozess über das Thema: Was ist göttlich? Und: Was ist göttlich in mir?

Gleichzeitig beschäftigten mich die Revolutionen und Gegenrevolutionen im arabischen Raum und der Konflikt in der Ukraine. Überall stehen moderne, eher säkulare, demokratische Kräfte einer konservativen, eher fundamentalistischen (oder nationalistischen) Bewegung gegenüber. Im arabischen Raum sind islamistisch-konservative Kräfte im Aufwind, von Pakistan und Afghanistan über Syrien und Irak bis nach Ägypten und Libyen. Einzig Tunesien ist als Hoffnungsschimmer reformistischer Bestrebungen in der Brandung des islamischen Fundamentalismus erhalten geblieben. Würden nun die Frauen im arabischen Raum jetzt überall wieder verschleiert, von der Bildung und von Führungspositionen entfernt, weil es ihrer „göttlichen Natur“ entspricht, Kinder zu gebären und das Haus zu pflegen? Auch hier stellt sich die Frage: Was ist göttlich? Was befiehlt Gott den Menschen? Wie will Gott die soziale Ordnung der Menschen?

Zudem nehme ich bei unzähligen Menschen die Sehnsucht wahr, in friedlicher, kreativer Weltgemeinschaft zu leben und mit den Machtkämpfen und der rücksichtslosen Zerstörung der Natur aufzuhören. Dieser Ruf soll mehr Stimme, mehr Auftrieb erhalten.

Ich kam zu folgenden Schlüssen.

Vom Göttlichen

Wie könnte ich wissen, was göttlich ist? Ich dachte, ich könnte überlegen, was im Universum, in der Natur, in der „Schöpfung“ vor sich geht, denn sie sind „Sein Werk“ – sofern wir überhaupt an ein Göttliches glauben. Ich stellte fest: Da sind überall Schöpfungsprozesse, Aufbau von Galaxien und Sternensystemen und Planeten, Hervorbringung von Materie aus Energie, Synthese von komplexerer Materie (Physiosphäre). Wir sehen eine Komplexifizierung der Materie, die immer neue Moleküle mit neuen Eigenschaften hervorbringt. Diese Komplexifizierung geht so weit, dass äusserst komplexe Moleküle entstehen, die fähig sind zu leben, sich zu reproduzieren (Biosphäre). Dann werden immer komplexere Lebewesen „geschöpft“, riesige Nervensysteme, bis sich Bewusstsein entwickelt. Schliesslich entsteht in einem unglaublich komplizierten Gehirn (im Menschen) die Fähigkeit zum Denken und zum Selbstbewusstsein (Noosphäre). Danach geht diese Komplexifizierung weiter in der Welt der Gedanken, des Wissens, der Kunst, unaufhörlich.

Also: Das wäre das Göttliche als Schöpfer, als Kraft der Synthese, der Komplexifizierung, die immer neue Eigenschaften/Fähigkeiten hervorbringt. Man kann aus menschlicher Perspektive diese Kraft der Synthese auch Liebe nennen, wo sich zwei vereinen und Neues hervorbringen. Diese grundlegende Kreativität erschafft im Universum Schwingung, Vibration, Energiefelder, wodurch alles mit allem subtil verbunden wird. Weiter scheint die Entstehung von Schönheit, in Formen, Strukturen und Farben, von Harmonien in Klang und Rhythmus, diese hervorgebrachte Welt zu kennzeichnen. Und sie berührt die Menschen in ihrem Tiefsten. Die sichtbare Kreativität und Schönheit im Mikro- wie im Makrokosmos lässt auch den Wissenschaftler staunen. Da lässt sich die Eigenart der Schöpferkraft berühren, zumindest erahnen.

Aber dann kommt die andere Seite des Göttlichen. Wir sehen im Kosmos und auf der Erde überall natürliche Zerfallsprozesse, Zerstörungen, Explosionen von Galaxien, Implosionen von Sternen, Erdbeben, Überschwemmungen, Vulkanausbrüche, schlimme Krankheiten wie Krebs, Tod von Lebewesen, von Sternen – Tod, der auch unserer Biosphäre bevorsteht, wenn unsere Sonne verglüht. Der Schöpfungsprozess und der Zerstörungsprozess laufen somit parallel. Fest steht: Die Zerstörungsprozesse rufen unter den Menschen und Lebewesen enormes Leiden hervor. Ja, auch Krebs ist göttlich. So gibt es eine göttlich oder grundlegend verursachte Zerstörung und das entsprechende Leid.

Wenn wir das Göttliche als Schöpfer und gleichzeitig als Zerstörer betrachten, können wir Gott dann in die Kategorien Gut und Böse einteilen? „Gut“ und „Böse“ sind anthropomorphe, sehr menschliche Kategorien. Es scheint mir besser, die Eigenschaften Gottes nicht mit menschlichen Kategorien (Urteilen) festzuhalten, sie also „ohne Worte“ zu belassen. Und wenn: Dürfen wir Gott einseitig als „das Gute“ oder „die Liebe“ bezeichnen? Wenn wir den Kosmos und den Planeten Erde betrachten, dann ist die Aussage „Gott ist die Liebe“ eine einseitige, zudem menschliche Vorstellung, welche die furchterregende Kraft der Zerstörung und des Zerfalls der grundlegenden Ebene verkennt.

So kam ich zu dem Schluss: Wenn es bei dieser Reise darum geht, mein „göttliches Wesen“ zu erkennen und zu entfalten, dann will ich das so nicht. Hingegen möchte ich die eine Seite des Göttlichen, die Kreativität, die Schönheit und Harmonie in mir entfalten und lernen, die andere, schreckliche und Leid erzeugende Seite Gottes zu erkennen, und zu akzeptieren. Das würde bedeuten: Ich will menschlich, nicht göttlich werden. Das war eine schwere Aussage, eine Art Blasphemie für gottgläubige Menschen. Aber ich bleibe vorläufig dabei.

Können wir mehr über das Göttliche erfahren? Wenn wir in der Kontemplation, in der mystischen Suche nach innen eine Einheitserfahrung machen, die auch Erleuchtung genannt wird, erfahren wir dann „das Göttliche“? Vielleicht. Oder erfahren wir das Menschenmögliche, das Menschliche an sich? Die Frage ist auch: Wie viel von unserer Psyche, von unserem Unbewussten fliesst in diese Erfahrung ein? Jedenfalls muss der Weg der Mystik, der unmittelbaren Erkenntnis, uns das Göttliche als Schöpfer und als Zerstörer gleichermassen erkennen lassen – wie dies in der hinduistischen und tibetischen Tradition deutlich und auch bildlich dargestellt wird. Interessant ist jedenfalls die Wirkung der Einheitserfahrung: Wenn wir das Wesen des Universums, des Göttlichen in uns erfahren und mit ihm eins werden, dann entsteht in uns Menschen ein unendliches Gefühl der Liebe. Die Erkenntnis des Wesens Gottes ruft unendliche Gelassenheit hervor, ein: „Es ist, wie es ist!“, ein Gefühl grundlegender Einheit von allem, von Schöpfung und Zerstörung. Wir könnten auch sagen: Die Antwort des Menschen auf die grundlegende Erkenntnis ist Liebe. Alle Mystiker (auch die Religionsstifter unter ihnen) haben aber deutlich gemacht: Macht euch keine Bilder, keine Vorstellungen von Gott, gebt ihm keine Attribute, denn ER ist für uns unvorstellbar. Das ist weise. LIEBE ist eine menschliche Qualität (Kategorie), und die Einheitserfahrung führt diese Qualität auf ihre höchste, umfassende Ebene.

Gut und Böse

Es gibt eine grundlegende Schöpfung und eine grundlegende Zerstörung: die wunderschöne und die fürchterliche Seite des Göttlichen. Ohne menschlich zu bewerten, können wir vom ganzen Geschehen aber sagen: „Es ist, wie es ist“; das scheint mir eine weise Aussage. Diese grundlegende Ebene kann der Mensch nicht ändern. Er kann allenfalls ihre schmerzhaften Folgen für die Lebewesen mildern.

Sodann gibt es die Formen der Gewalt und Zerstörung unter Menschen. Es ist offensichtlich, dass neun Zehntel des Leids und des Schreckens auf der Erde vom Menschen erzeugt werden. Sie haben ihren Ursprung nicht in den Naturgewalten, den göttlichen Zerstörungsprozessen. Unter den Menschen, da treffen wir auf das eigentliche Böse. In gewissen spirituellen Kreisen hört man undifferenziert die Behauptung: „Es ist, wie es ist“, und sogar: „Alles ist gut.“ Diese Aussagen scheinen mir nicht zulässig und ein Hohn gegenüber allen Menschen und Lebewesen, die in den Zerfallsprozessen leiden und verenden. Hier darf nie gesagt werden: „Es ist, wie es ist“ oder „Alles ist gut“. Diese Aussagen rühren von einer Vermischung der Ebenen her, indem eine Aussage („Es ist wie es ist“), die für den Kosmos und die Natur stimmt, auch auf die Ebene der menschlichen Gesellschaft übertragen wird. Es ist eine mentale Verwirrung, wenn wir die grundlegende Ebene von Schöpfung und Zerstörung mit der menschlichen gleichsetzen. Es gilt, diese beiden Ebenen politisch klar zu trennen. Auf der grundlegenden Ebene sind wir weitgehend machtlos, sie ist wie sie ist. Auf der menschlichen Ebene hingegen haben wir alle Möglichkeit, unsere Handlungen zu ändern und das Leid beträchtlich zu verringern. Hier gibt es kein „Es ist, wie es ist“ und noch viel weniger ein „Alles ist gut“.

Wenn all das Leid, welches die Menschen einander und der Natur zufügen, auch Gott in die Schuhe geschoben würde, wäre er ein Monster. Deshalb kann weder Gott (noch der Teufel, als Abspaltung von ihm) verantwortlich für das menschlich Böse sein. Die Christen haben da ein schlimmes Konstrukt erfunden: den Teufel. Er würde im Menschen das Böse verursachen. Das ist masslos naiv – denn der Teufel müsste ja von Gott, dem Allmächtigen, erzeugt worden sein – und eine List, um die Verantwortung vom Menschen fernzuhalten. Dieser Dualismus, da ein schöpferischer Gott, hier ein zerstörerischer Teufel, ist nicht zulässig. Ebenso ist der Sensenmann, der Tod, etwas Grundlegendes, Göttliches. Die Bilder der mythologischen[1] Religion verbergen uns die reale Eigenart des Göttlichen.

Weil die grundlegende Ebene nicht zuständig sein kann für die menschlichen Ordnungen und das hier vorgefundene Böse, ist es so, dass der Mensch die Freiheit hat, zu wählen zwischen menschlich Gutem und Bösem, und dafür voll verantwortlich ist.

Die Aussagen „Alles ist okay“, „Es ist, wie es ist“, „Alles ist gut“ können auch als Schutzmechanismus verstanden werden, um sich aus der Verantwortung zu stehlen, die menschliche Ebene humaner zu gestalten – oder um das Leid in der Welt weniger akut zu empfinden. Es sind zutiefst apolitische Aussagen. Erst wenn der Mensch seine volle Verantwortung für den grössten Teil des Leids und Schreckens auf Erden wahrnimmt und dabei sein Mitgefühl tief berührt wird, entsteht in ihm die ausreichende Motivation, um im Sinne einer Besserung, für das menschlich Gute, zu handeln.

Nun stellt sich auf dieser menschlichen Ebene die Frage: Was ist das menschlich Gute, was das menschlich Böse?

Vom Menschlichen

Wie Willigis Jäger sagt, der Mensch ist die Frucht, das Göttliche ist der Baum. Wir wurden vom Schöpfungsprozess erzeugt. Auch wenn dieser Prozess nur schon aus den physikalischen und chemischen Gesetzmässigkeiten besteht, welche der Komplexifizierung im Universum zugrunde liegen, stellt sich die Frage: Woher kommen sie? Ein unerklärliches Mysterium liegt vor uns. Wir können es „göttlich“ nennen.

Was sagt uns dieser Ursprung über unser Wesen? Einerseits, dass die Kreativität, das Schöpferische, als Urkraft in uns wirkt. Bemerkenswert ist dabei unsere Erfahrung: Wenn wir kreativ arbeiten und wirken, werden wir mit Freude, mit einem Glücksempfinden beschenkt. Daher muss kreatives Tun für den Menschen grundlegend richtig sein. Dazu gehört auch die Sexualität – ein kreativer Akt par excellence. In Liebe vollzogen, vermag er uns Glückseligkeit zu schenken.

Weiter sagt uns unser Ursprung, ihr seid wie alles im Kosmos vergänglich, dem Zerfall geweiht. Schwere Krankheiten, Naturkatastrophen und Tod sind Teil unseres Daseins. So können wir von unserem Ursprung zumindest ableiten: Erstens: Eine Gesellschaft ist grundlegend gut, wenn alle Menschen ihre Kreativität entfalten und leben dürfen. Das erfüllt sie mit Lebensfreude und bereichert die Gesellschaft. Zweitens: Natürliche Zerfallsprozesse gehören zum Leben, wir sollen sie akzeptieren, auch wenn sie schmerzen. Deren Folgen können wir bestimmt lindern. Diese zwei Ableitungen aus den grundlegenden Schöpfungs- und Zerstörungsprozessen sind bedeutende Hinweise für die Errichtung einer guten menschlichen Ordnung.

Weiter lässt sich drittens sagen, dass das Universum und die Natur viel Schönheit hervorbringen. Sie hat viel mit Harmonien zu tun, mit rhythmischer Wiederholung, mit grafischen Mustern. Wir sehen dies in pflanzlichen Geweben, kristallinen Strukturen, Blattanordnungen, Bienenwaben, Eisblumen, Erosionsformen an Bergen oder in Flussläufen, usw. usf. So können wir uns bei der menschlichen Schöpfung von Strukturen in Kunst, Wissenschaft, Technik, Architektur und Siedlungen von den grundlegenden Schöpfungsmustern inspirieren lassen. Mir fällt immer wieder auf, wie mittelalterliche Städte, afrikanische Dörfer oder asiatische Reisterrassen in sich harmonisch sind und bei den Menschen Wohlbefinden erzeugen – was ich von einem modernen Villenquartier nicht sagen kann. Die Wiederholung von Mustern (bei leichter Abänderung) scheint mir dabei bedeutend. Viertens lässt sich sagen: Über Schwingungen und Energiefelder sind wir mit allem subtil verbunden. Es gibt keine grundlegende Trennung, sondern eine Art Einheit in der Vielfalt.

Historisch sehen wir, dass das menschlich Gute und Böse, wie es von den Menschen definiert worden ist, wandelbar, relativ ist, je nach Kultur, Religion (Dogmen), historischer Epoche, je nach dem Bewusstsein des jeweiligen Menschen. Auf der Ebene des menschlich Guten und Bösen herrscht Verwirrung. Das rührt auch daher, dass die religiöse Ebene (Schriften, Dogmen) als göttliche Ebene hingestellt und nicht von der menschlichen getrennt wird. Die mythische Religion meint, das Göttliche würde dem Menschen vorschreiben, wie die menschliche Gesellschaft organisiert werden soll. Dabei ist es offensichtlich so, dass Gott (oder seine Abspaltung, der Teufel) sich nicht direkt einmischt in die menschliche Geschichte, sonst hätte er all das fürchterliche Leid erzeugt, welches Kriege und Folter und Sklaverei und Frauen- wie Kinderausbeutung hervorgerufen haben und auch heute noch hervorrufen. Und weil die Schöpfungsmythen und noch mehr die Religionslehren und Dogmen unterschiedliche Aussagen machen über die gute menschliche Ordnung, schlagen sich die Menschen auch weiterhin im Namen Gottes die Köpfe ein. Also: Von einer vermeintlich göttlichen Ebene wird abgeleitet, wie menschliche Gesellschaften gestaltet werden sollen. Das ist aus heutiger Sicht grober Unfug. Lassen wir das Göttliche auf seiner Ebene, die für den Menschen wohl geahnt werden kann, aber doch nicht fassbar ist. Berufen wir uns nicht auf Gott und seine Gesetze, wenn es darum geht, das Menschliche auf Erden zu gestalten. Es ist offensichtlich der Verantwortungsbereich des Menschen. Aber der Mensch kann mit seiner Vernunft die vier oben beschriebenen grundlegenden Muster der Schöpfung von Universum und Natur wahrnehmen und sich davon inspirieren lassen.

Glauben auf mythischer Ebene lässt menschlichen Unfug göttlich werden und sichert ihn so absolut ab, insbesondere Machtansprüche und Privilegien der Reichen. So lässt sich kein Konsens unter den Menschen finden, weil vermeintlich absolute Wahrheiten aufeinandertreffen. Im Namen der absoluten Wahrheit werden Machtansprüche legitimiert, wird Krieg geführt, getötet und zerstört. Das haben die Europäer das ganze Mittelalter hindurch und in der Neuzeit bis vor Kurzem getan.

Die vier grundlegenden Muster des Schöpfungsprozesses im Kopf, aber ohne weiter die religiösen Glaubensbekenntnisse zu bemühen, können wir uns nun fragen: Was erscheint uns gut für den einzelnen Menschen, für die Gesellschaft der Menschen und für die Biosphäre? So können wir einander weltweit näherkommen. Weil wir uns nicht auf absolute „göttliche“ Gesetzte berufen, sondern auf unsere Vernunft, unsere historischen Erfahrungen (Empirie) und unser Wohlwollen. Nun gelingt es uns, mit weniger Härte und Verbissenheit in einen menschlichen Dialog zu treten und gemeinsam zu überlegen: Was ist für die Menschen gut, wie wollen wir miteinander leben, wie mit der Natur? Dabei hilft uns die Entwicklung unseres Wohlwollens bis zu reifer, universeller Liebe. Da werden befriedigende Lösungen angestrebt, die alle Interessen ausgewogen berücksichtigen.

Im psychologischen, neurologischen, historischen und sozialwissenschaftlichen Bereich ist sehr viel Wissen über gelingendes Verhalten, über förderliche Ordnungen und Strukturen zusammengetragen worden. Es sind keine absoluten Wahrheiten, aber doch deutliche wissenschaftliche Hinweise auf förderliches menschliches Verhalten einerseits und zerstörerisches andererseits. Gehen wir von der Natur des Menschen aus, von der empirischen Feststellung, welche Formen der Gesellschaftsordnung welche Konsequenzen haben, und nicht von dem, was „Gott“ vermeintlich über menschliches Zusammensein vorschreibt!

Ein Beispiel für ein solches empirisches Vorgehen: Wenn wir eine gewalttätige Gesellschaft anstreben, müssen wir die Kinder und Jugendlichen mit Gewalt züchtigen, sie ungerecht behandeln, sie also masslos frustrieren. Wir müssen Menschen am Anfang ihres Lebens grundlegende Angst einjagen, etwa indem die Mutter das Kleinkind plötzlich alleine lässt. So erzeugen wir Gewalttäter und gefügige Menschen. Die Väter sollen gewalttätig gegenüber ihren Frauen sein, damit ihr Leiden und ihre Angst sich schon im Bauch auf den Fötus übertragen (Prägung). Wir müssen auch beträchtliche soziale Ungerechtigkeit zulassen, entsprechende Wohlstandsunterschiede und diese Hierarchien mit einem Gewaltapparat schützen. So bauen wir bei den Benachteiligten Frustration und Wut auf. So werden eine Kultur der Gewalt und die Bereitschaft zum Todschlag erzeugt.

Eine friedliche Gesellschaft erzieht die Kinder und Jugendlichen ohne Gewalt, jedoch mit klaren Richtlinien und zunehmender Freiheit und Verantwortung. Sie lässt Gewalt an Frauen nicht zu. Kleinkinder erfahren bedingungslose Liebe und Geborgenheit. Sie sorgt für Gerechtigkeit in der Erziehung und Bildung, auch in der Verteilung von Chancen und Wohlstand. Gerechtigkeit bedeutet nicht Gleichheit, aber ein gut verträgliches Mass an Ungleichheit.

Dieses verträgliche Mass der Ungleichheit wird in den Industriegesellschaften seit 1980 wieder deutlich überschritten. Die seitdem dominierende neoliberale Entwicklung führt über die masslose Ungleichheit der Vermögen unweigerlich zu sozialer Gewalt; sie höhlt zudem die Demokratie aus, welche gleiche politische Macht für alle Bürgerinnen und Bürger anstrebt.

 

 

Schlussfolgerung

  1. a) Schrecken und Leid werden auf zwei Ebenen erzeugt, auf der natürlich-göttlichen und auf der menschlichen. Auf der grundlegenden Ebene trägt der Mensch keine Verantwortung, aber die Gesellschaft kann dieses natürliche Leid lindern. Hier gilt die Weisheit: „Es ist, wie es ist.“ Auf der menschlichen Ebene werden Schrecken und Zerstörungen von den Menschen verursacht. Hier trägt der Mensch die volle Verantwortung, und Behauptungen wie „Alles ist gut; es ist, wie es ist“ können nicht verantwortet werden. Es gilt, diese Verantwortungsebenen nicht zu vermischen. Daraus ergibt sich eine klare Verantwortlichkeit des Menschen – nicht des Göttlichen – für die Gestaltung des Zusammenlebens auf Erden.
  2. b) Wenn es um die Gestaltung des menschlichen Zusammenlebens geht, ist es zielführender und friedlicher, das Göttliche nicht einzubeziehen, denn ES ist für das Geschehen unter den Menschen nicht zuständig. Absolute religiöse Wahrheiten über die Gesellschaftsordnung, die wir vermeintlich von der göttlichen Ebene beziehen, schaffen unter den Menschen nur Verbissenheit und Gewalt, wenn es um die Gestaltung des Zusammenlebens geht. Hier beziehen wir Gestaltungsregeln viel besser aus der Erfahrung (Empirie) und den vier erwähnten Grundmustern der Natur.

Für viele Menschen sind diese Schlussfolgerungen schon lange ganz logisch. Sie haben zur Trennung von Kirche und Staat geführt. Trotzdem scheint es heute notwendig, sie zu wiederholen. Hüten wir uns davor, das menschlich Gute mit der göttlichen Ebene absichern zu wollen; es würde nur zu neuem Streit führen. Lassen wir der Aufklärung und der Vernunft ihre Verdienste. Und falls wir die rationale Bewusstseinsstruktur verlassen, dann bitte nicht zurück, vor die Aufklärung, sondern vorwärts, unter Mitnahme der kritischen Vernunft.

[1] Eine Religion (oder Denkweise, Ideologie) ist mythologisch, wenn sie sich als die allein richtige empfindet, die anderen Religionen/Weltanschauungen als falsch und feindlich. Dabei ist diese Denkstruktur sehr hierarchisch; sie führt unablässig zu Kampf, Krieg und Eroberung, weil sie sich selbst nicht relativieren kann. Wird die Religion rational (Aufklärung), erlangt sie Distanz zu sich selbst und ihren grundlegenden Texten, sie kann sie relativieren und nimmt sie weniger wörtlich als symbolisch. Die Verbissenheit schwindet. Jean Gebser hat in Ursprung und Gegenwart die stufenweise Entwicklung der menschlichen Denkstrukturen von archaisch über magisch, mythologisch und rational bis zu integral belegt. Seine Betrachtung erlaubt es, unzählige menschliche Konflikte zu verstehen.

 

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One thought on “Vom Göttlichen, von Gut und Böse, Liebe und Zerstörung und vom Menschlichen

  1. Die sehr guten Gedanken und über das GÖTTLICHE – Gute und Böse- Liebe und Zerstörung – sprechen mir aus der Seele. Nur diese dem Menschen innewohnende göttliche Kraft der Gedanken und des Herzens kann die heutige, am Profit und Kapital orientierte, schnelllebige Entwicklung in eine menschlichere und lebenswerte Zukunft aller Menschen umlenken . Dafür ist es höchste Zeit.
    Ein Umdenken in Politik , Wirtschaft und Religion ist dazu dringend erforderlich. Die Machtansprüche in jedem Bereich sind ungleich verteilt. In der Wirtschaft regiert das Geld die Welt , in den Religionen vorgegebene starre Gottesbild (autorithäre Amtskirche) , die Politik sorgt sich vorwiegend um das wirtschaftliche (weniger soziale ) Wohl der Menschen.
    Das Verantwortungsbewusstsein jedes einzelnen Menschen für eine lebenswerte Zukunft aller Menschen bleibt in vzunehmenden Maße auf der Strecke – letztlich die Entscheidung für die Liebe , das Göttliche – Gott in uns.Nicht Gott hat das Böse( im Miteinander und zur Natur) geschaffen sondern der Mensch selbst durch seinen Egoismus.

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