Der Liberalismus versagt – Mont Pèlerin Society MPS

(Auszug aus “Die Aushöhlung der Demokratie” (Bucherscheinung: März 2015)
Quellen Angaben: diese Erfolgen dann ausführlich im Buch.)

Der heutige Zustand der Welt ist nicht zufällig entstanden. Er ist seit den 1940er Jahren vorgedacht und bewusst herbeigeführt, unter anderem von einem genialen Mann: dem Ökonomen Friedrich August von Hayek und seiner Mont Pèlerin Society.

Wenn wir, aus purer Notwendigkeit, den Übergang unserer Gesellschaft in eine postmaterialistische Kultur denken, haben wir die grossen Bewegungen des gesellschaftspolitischen Denkens einzubeziehen, besonders die Vorstellungen von Wirtschaft und Gesellschaft. Für die heutige Lage der Welt kommt den Theorien des Neoliberalismus eine Hauptverantwortung zu.

Die vier in den Quellen verzeichneten Dokumentarfilme zeigen anschaulich die Entstehung und den Verlauf der Finanzkrise von 2008. Diese breit recherchierten Filme zeigen auf, wie die Krise über einen langen Zeitraum herbeigeführt wurde. Eindrücklich schildern die Bilder, wie Professoren und Universitätsinstitute, Banken, Versicherungen und Konzerne, Lobbyisten und Politiker und die Regierung der USA Hand in Hand die neoliberale Variante des Kapitalismus bis zur Krise von 2008 vorangetrieben haben. Filme haben den Vorteil, uns emotional zu berühren, was für menschliche Lernprozesse entscheidend ist.

Nachfolgend wird die Entwicklung des heute dominierenden wirtschaftspolitischen Denkens ins Auge gefasst, das letztlich zu den in den Filmen aufgeführten Ereignissen geführt hat.

Der „Laisser-faire“-Liberalismus führt zu Weltkrisen

Die erste grosse Weltwirtschaftskrise der Moderne von 1929 bis etwa 1935 wurde wirtschaftspolitisch von einer Phase des klassischen „Laisser-faire“-Liberalismus eingeleitet. Die Folgen des ersten Weltkrieges von 1914 bis 1918 und die Bedingungen, welche Deutschland von den Siegermächten aufgezwungen wurden, können je nach Betrachtung ebenfalls als mitverantwortlich für die Wirtschaftskrise erachtet werden.

Die grausame Rezession der 1930er Jahre mündete in den deutschen Nationalsozialismus, die deutsche Aufrüstung und den Zweiten Weltkrieg. So gibt es eine logische Ursachenverkettung von klassisch liberaler Wirtschaftspolitik, Weltwirtschaftskrise, Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg.

Die heutige Schulden- und Wirtschaftskrise der USA und Europas wurde wiederum von einer Phase klassischen „Laisser-faire“-Liberalismus, in seiner überspitzten neoliberalen Form, eingeleitet.

Die Qualität von Werthaltungen und Denkweisen kann man an ihren Früchten überprüfen. Worte allein können sehr schön klingen und verzaubern. In diesem Sinne müssen wir den „Laisser-faire“-Liberalismus als Irrtum bezeichnen, weil diese Theorie den „Wirt“, den Menschen und seine Eigenheiten, nicht berücksichtigt. Was geschieht, wenn man der menschlichen Gier und Machtlust die Zügel schiessen lässt, ihnen also keine Grenzen setzt, haben wir nun zweimal auf traurige, schmerzhafte Weise erfahren. Es reicht. Eigentlich wissen wir alle, dass gierige oder machtbesessene Menschen gefährlich sind. Das gilt in der Politik und Staatsführung, aber ebenso in der Wirtschaft und Konzernführung.

So frage ich mich: Wodurch wurden so brillante Denker wie Friedrich August von Hayek, Ludwig von Mises und Milton Friedmann verblendet, dass sie nicht sahen, wie gefährlich ihre allzu liberalen Theorien waren?

Es muss uns darum gehen, den Kern des Liberalismus zu bewahren, die Werte der Selbstverantwortung und der Freiheit hochzuhalten. Aber gerade dazu sind der Freiheit, besonders der ökonomischen, Grenzen zu setzen. Die ungezügelte Freiheit zerstört: die Demokratie, die Gerechtigkeit unter den Menschen und damit den Frieden. Und weil sie in der materiellen Produktion und der Anhäufung von Reichtum so ausserordentlich erfolgreich gewesen ist, ist diese Wirtschaftsfreiheit schlussendlich für die Natur zerstörerisch.

Daher haben wir nach einer anderen Wirtschaftsordnung zu suchen, die auf einem besseren Verständnis von Menschsein gründet. Eine Wirtschaftspolitik, die den Kernbereich des Liberalismus ebenso wie die Rechtsstaatlichkeit, die Demokratie, die Gerechtigkeit und die Nachhaltigkeit berücksichtigt, und zwar als Gesamtheit. Es geht um eine neue Synthese.

Die USA als Motor des neoliberalen Grosskapitalismus

Roosevelt schrieb 1944 eine zweite „Bill of Rights“: soziale, fortschrittliche Grundsätze menschlicher Entwicklung, die nie umgesetzt wurden, weil er ein Jahr später starb. Aber unter dem Eindruck des Kriegstraumas wurde die universelle Charta der Menschenrechte entwickelt und in Bretton Woods eine neue Finanzordnung erstellt.

Man hatte aus der grossen Wirtschaftskrise von 1929 gelernt: Am Ende des Zweiten Weltkrieges waren die Wirtschaft und besonders das Finanzwesen relativ streng reguliert. Die Gewerkschaften wurden nun überall zugelassen, die Löhne der Arbeiter stiegen und damit ihre Nachfrage nach Gütern des Alltags. Die deutsche Freiburger Schule entwickelte bereits in den 1930er Jahren theoretisch die soziale Marktwirtschaft (Ordoliberalismus) und Keynes den Keynesianismus, beides liberale Theorien, die dem Staat eine bedeutende Rolle zuordnen. Die Konzepte des britischen Ökonomen John Meynard Keynes, insbesondere jenes, dass der Staat mit Defizitfinanzierung (Schuldenmachen) investieren müsse, falls die privaten Investitionen zur Überwindung einer Wirtschaftskrise nicht ausreichten, wurden dominierend. Europa und Nordamerika konnten in diesem wirtschaftspolitischen Kontext dank dem Marshallplan, Eigenleistungen und der Ausbeutung der Dritten Welt aufblühen. Die Periode des ordoliberalen und keynesianischen Denkens (damals noch Neoliberalismus genannt!) führte in eine Zeit des ökonomischen Aufschwungs der Industrieländer und der Entschuldung der Staaten. Diese Blüte dauerte bis etwa 1975. Die Geltung von Prinzipien des Anstandes und der Moral (außer gegenüber den Dritte-Welt-Ländern) verdankten diese dynamischen Wirtschaften wohl auch der Konkurrenz mit dem sozialistischen Ostblock. Grosse soziale Ungerechtigkeiten (Gehälter, Vermögen) konnte man sich im Kalten Krieg politisch nicht leisten.

Die MPS

1947 lud der österreichische Ökonom Friedrich August von Hayek 36 Gelehrte, die dem klassischen Liberalismus nahestanden, auf den Mont Pèlerin in die Schweiz ein, mit der Frage: Wie steht es um die Zukunft des Liberalismus nach dem Zweiten Weltkrieg? Daraus wurde das internationale Netzwerk „Mont Pèlerin Society“ (MPS), eine absolut diskrete liberale Denkfabrik, ohne Angestellte und Publikationen. Von Hayek präsidierte die MPS bis 1961. Er sagte: Nicht Wahlen entscheiden in einer Demokratie, sondern die dominierenden intellektuellen Denkströmungen, die über Journalisten und Professoren verbreitet werden. Er sollte für die Zeit ab 1980 absolut Recht bekommen! 1974 und 1976 erhielten er und sein Kollege Milton Friedmann die Nobelpreise für Ökonomie. Pinochet ergriff in Chile die Macht und setzte in seinem Regime politischer Repressionen die Wirtschaftstheorie von Milton Friedmann (Chicago-Schule) um. Diese Wirtschaftslehre wurde in Chile Neoliberalismus genannt, wodurch der Begriff eine ganz neue Deutung erhielt, gekennzeichnet durch Markfundamentalismus und Minimalstaat. Dieser Neoliberalismus wurde in den USA unter Präsident Reagan ab 1981 zu den „Reaganomics“ und unter der britischen Premierministerin Thatcher ab 1979 zum „Thatcherismus“.

In der MPS war in den 1950er Jahren ein Streit entbrannt zwischen dem ordoliberalen deutschen Flügel, repräsentiert durch Alexander Rüstow, Wilhelm Röpke und Alfred Müller-Armack, und der amerikanischen Denkströmung, repräsentiert durch von Hayek, Ludwig von Mises und Friedmann. Die amerikanische Richtung obsiegte, Ordolibarale und Keynesianer verliessen die MPS. Dies setzte sich weltweit fort.

Heute zählt die MPS etwa 500 Mitglieder, Wirtschaftsführer, Professoren, Redaktoren bedeutender Zeitungen. Mit der MPS sind weltweit 93 weitere Denkfabriken verbunden. Die eine ist die schweizerische Avenir Suisse, geleitet von Gerhard Schwarz, dem ehemaligen Chefredaktor Wirtschaft der NZZ und Mitglied der MPS.

Offensichtlich war von Hayek auch ein brillanter langfristiger Stratege. Über den zunehmenden Einfluss an Universitäten und grossen Medien gelang es der Mont Pèlerin Society in 25 Jahren, das keynesianische Denken an die Wand zu drücken. Eine geschickte ideologische Kampagne führte auch in den Parlamenten zu einem Umschwung in den Denkhaltungen, bis in die sozialistischen Parteien hinein. In den 1990er Jahren bedurfte es Mut, der neuen dominanten Denkweise entgegenzutreten. Mit der Krise ab 2008 hat sie sich mit ihren Früchten ihr eigenes Grab geschaufelt.

Leider sind mir die Namen der 500 Mitglieder der MPS und der 93 befreundeten Denkfabriken nicht bekannt. Kritische Wirtschaftsjournalisten und -historiker könnten wohl mehr Licht in dieses lichtscheue, weltweite ideologiebildende Netz bringen und aufzeigen, wie ein solch revolutionärer Prozess der Ablösung einer dominanten Form der Wirtschaftspolitik – des Keynesianismus – durch eine andere – den Neoliberalismus – gestaltet wurde. Auch wenn ich den neoliberalen Ansatz als menschenfremd und für die Menschheit und die Erde als gefährlich erachte, die Genialität des Vorgehens der MPS, wie sie eine Denkströmung erzeugt und über Universitäten, Medien und Wirtschaftsführer verbreitet hat, die kann ich durchaus bewundern. Die Macht des Kapitals hat der Macht des Denkens in der MPS Flügel verliehen und der von ihr entwickelten Denkströmung letztlich zum weltweiten Durchbruch verholfen.

 

 

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